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ÜBER PETRARCA

Organisation und Geschichte

Die PETRARCA-Akademie bildet ein Forum des Dialoges und der Forschung für alle Menschen, denen der Erhalt, die Pflege und die Entwicklung der europäischen Kulturlandschaften ein Anliegen ist und die sich darin fortbilden und begegnen wollen.

 

Dazu gehört die Überzeugung, dass Landschaft neu entstehen kann, wenn der Mensch seine innere Beteiligung erkennt und bereit ist, tätige Verantwortung zu übernehmen, deren Handeln aus der Erkenntnis der lebendigen Lebenszusammenhänge in der Landschaft entspringt.

 

Sieht man in der Schönheit früherer Kulturlandschaften einen Spiegel des unmittelbaren Lebenszusammenhanges der sie bewohnenden Menschen mit ihrer Umwelt, so zeigen die heutigen Landschaften uns einen Spiegel des Zerfalls dieser Beziehungen.

 

Die PETRARCA-Akademie will Wege erforschen, wie die Wechselbeziehungen zwischen dem äußeren Erscheinungsbild der Landschaft und dem inneren Bezug der Menschen zu ihr bewußt werden können. Solche sachgemässen Erkenntnisschritte können die konventionellen Naturschutz und Landschaftspflege-Aktivitäten ergänzen, die sich gewöhnlich in dem Versuch erschöpfen, vergangene Landschaftsbilder zu bewahren.

 

Grundlagen für ein neues Bewußtsein der Lebenszusammenhänge einer Landschaft wurden in der langjährigen Arbeit von Jochen Bockemühl in der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach/Schweiz gelegt. Die PETRARCA-Akademie baut ihre Tätigkeit darauf auf und pflegt die Verbindung zu der Freien Hochschule am Goetheanum.


Das spezifische Anliegen der PETRARCA-Akademie ist es, Menschen zu begeistern

  • für einen persönlichen inneren Bezug zu der Landschaft, in der sie leben,

  • für den Zusammenhang des Bewußtseinswandels des Menschen mit der Veränderung des Erscheinungsbildes von Landschaften sowie

  • für die Frage, welche Erkenntnisschritte dazu beitragen können, dass die inneren Verhältnisse von Menschen sich heilsam abbilden können in künftigen Landschaften.


Vor diesem Hintergrund unterstützt und entwickelt PETRARCA praktische Ansätze in der Landschaftsplanung, -gestaltung und –forschung; führt Workshops durch, fördert Netzwerke und arbeitet hierfür zusammen mit internationalen, nationalen und regionalen Institutionen, die sich um die Entwicklung von Landschaften bemühen. Z. B. erfüllt die PETRARCA-Akademie im Europarat eine beratende Funktion aus bei der Umsetzung der Landschaftskonvention.

Die Gründung

 

Die Idee für eine "Europäische Akademie für Landschaftskultur – PETRARCA" entstand im Oktober 2000 in Anknüpfung an die Internationale Tagung "Die Kultur der europäischen Landschaft als Aufgabe" (Dornach, September 2000) im Initiativkreis, der diese Tagung vorbereitet hatte.Das Dornacher Landschaftsmanifest, welches bei dieser Tagung erarbeitet wurde, und die Europäische Landschafts Konvention (Europarat, Oktober 2000) waren die Initialpunkte zur Gründung von PETRARCA.


Vorgeschichte

Seit Ende der Sechzigerjahre dienen im Forschungsinstitut der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum Studienarbeiten sowie zahlreiche Tagungen und Seminare dem Entwickeln der Fähigkeit, sich verständnisvoll mit den unterschiedlichsten Naturerscheinungen und Landschaftsbezügen zu verbinden und sie durch eigene Erfahrungen sachgemäß einzuschätzen. Das geschah nicht nur am Ort, sondern auch in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern mit unterschiedlichen Menschen und Landschaften.Aus Arbeiten des Forschungsinstitutes mit Landschaft gingen mehrere Ausstellungen hervor:

  • 1980 "Lebenszusammenhänge erkennen, erleben gestalten" (6)

  • 1984 "Sterbende Wälder, eine Bewusstseinsfrage." (7)

  • 1992 "Erwachen an der Landschaft" (8)


Die letzten beiden sind Wanderausstellungen. Sie wurden an vielen Orten europäischer Länder gezeigt und wurden als reich bebilderte Ausstellungskataloge verlegt.Seit 1986 findet fast jährlich die "Übungswoche zur Landschaftswahrnehmung und -gestaltung" statt. Die ersten Jahre in Dornach, dann

  • 1993 Berlin

  • 1994 Dresden

  • 1995 Dörögd-Becken (Ungarn)

  • 1996 Hof Mahlitzsch bei Meißen

  • 1997 Dornach (Schweiz)

  • 1998 Kaluga (Russland)

  • 1999 Lom (Norwegen)

  • 2000 Dornach (Schweiz)

  • 2002 Storckensohn (Vogesen, Frankreich)

  • 2003 Pishwanton (Schottland)

  • 2005 Gut Hohenberg (Pfalz)

  • 2006 Hofgut Bleijendeijk (Niederlande)


jeweils in Zusammenarbeit mit verantwortlich Tätigen am Ort. Die Themen der Tagungen und Arbeitsgruppen richten sich nach Fragen, die am Ort und in der Zeit aktuell sind(9). Die internationale Tagung "The Culture of the European Landscape as a Task" im Herbst 2000 am Goetheanum mit Vertretern von Behörden, Instituten und Persönlichkeiten aus ganz Europa wurde nach einjähriger Vorbereitungszeit mit einem Rundtischgespräch und weiteren Seminarveranstaltungen durch einen 8-köpfigen Initiativkreis vorbereitet. Neben "Landscape our home, Lebensraum Landschaft", dem Buch zur Tagung , wurde während der Tagung ein Manifest erarbeitet und verabschiedet, das u. a. Vertretern des Europarates übergeben wurde. Die Vorträge der Tagung sind veröffentlicht in "Natur und Mensch" Ausgabe 5/2000.


Francesco Petrarca


Francesco PETRARCA (1304-1374), einer der Begründer des Humanismus, bestieg 1336 den Mont Ventoux und betrachtete die Landschaft. Es war vermutlich das erste mal in der Geschichte, dass Landschaft in dieser bewussten Weise als Bild erkannt wurde.

Am 26. April 1335 brach der italienische Dichter und als Vater des Humanismus bezeichnete Francesco Petrarca (1304 bis 1374) auf, um den Mont Ventoux (ein 1912 m hoher, verkarsteter Gebirgsrücken der südfranzösischen Voralpen) zu besteigen, mit dem Ziel, von dort oben den Ausblick auf die unterhalb sich ausbreitende Landschaft zu genießen - "einzig getrieben von der Begierde, die ungewöhnliche Höhe eines Ortes in unmittelbarer Anschauung kennen zu lernen". Von einem alten Hirten, der ihm auf diesem Wege begegnete, erntet er nur unverständliches Kopfschütteln - zu weit voraus war Petrarca mit diesem Vorhaben seiner Zeit ... und auch sich selbst, wie aus den weiteren Schilderungen in seinem Brief an den Augustiner-Mönch Francesco Dionigi hervorgeht:

Noch während des Aufstieges versuchte Petrarca das Unternommene durch den Vergleich mit der Erhebung zum seligen Leben zu deuten und zu rechtfertigen, das auch "auf einer Höhe liegt, zu welcher ... der Weg steil hinaufführt" - hoffend von oben im genießenden Anblick der großen Natur ringsum "liebend Gott zu vergegenwärtigen". Auf dem Gipfel angelangt, glich er - vom ungewohnten Hauch der Luft und vom freien Rundblick betroffen - einem "Betäubten".

Um aus dieser Traumhaftigkeit zu erwachen, um zu verstehen, was er erlebt hatte, versuchte Petrarca das Erlebnis vor dem Hintergrund der philosophischen Tradition der Theorie des Kosmos zu deuten. Hierbei meint Kosmos ursprünglich, die Natur als Ganzes, Natur in ihrer umfassenden kosmischen Anschauung und Herkunft - nicht die in Einzelheiten zerfallende Gegenstandswelt. Und Theorie meint im ursprünglichen Sinne "Anschauung", "Betrachtung" - dies zunächst im Sinne der philosophischen Versenkung in die eigene, den Göttern gewidmete Denkanschauung. Theorie des Kosmos meint demnach im ursprünglichen Sinne nicht eine abstrakte Theorie über den Kosmos, sondern eine unmittelbare Anschauung des Kosmos, wobei mit Kosmos "Natur" gemeint war und mit "Natur" die Natur einer Sache, ihr Wesen, ihr Charakter.

Schließlich suchte Petrarca Hilfe in den von ihm stets mitgeführten "Bekenntnissen" von Augustinus. Doch Augustinus verwarf das Erlebnis Petrarcas als "Vergessen des Selbstes". Petrarca war wie geschlagen, und verließ den Gipfel - zwar im Erleben bereichert, im Selbst-Verständnis aber als Gescheiterter.

Für das Selbst-Verständnis unserer Neuzeit ist dieser Brief Petrarcas jedoch ausgesprochen erhellend: In einer für die mitteleuropäische Geistesgeschichte schlüsselhaften Weise ist mit Petrarcas literarischen Schilderungen ein Erlebnis verbrieft, in dem die Natur als Ganzes in Form der Landschaft, also sinnlich sichtbar, umliegend erfahren wurde. In der philosophische Tradition der Theorie des Kosmos blieb das Ganze allein der geistigen Schau vorbehalten. Das vor Augen Stehende, als die den Menschen umgreifende, sichtbare Natur blieb gewissermaßen ohne Virulenz (5). Die Theorie des Kosmos spielte sich in den Schulen, in der Zelle des Klosters und im Grunde der Seele ab.

Mit der Anschauung der ganzen Natur als Landschaft aber ist eine neue Form der Theorie des Kosmos erreicht. Landschaft ist die Natur, die im Anblick für einen fühlenden und empfindenden Betrachter ästhetisch gegenwärtig ist. Landschaft wird erst, wenn sich der Mensch der Natur mit seinen Sinnen ohne praktischen Zweck in "freier", genießender Anschauung zuwendet. Petrarca ist uns Aufforderung, das von ihm Begonnene in einer dem modernen Bewusstsein angemessenen Weise fortzusetzen: Die Vergegenwärtigung der Natur als Landschaft.