„Landschaft als Begegnung zwischen Natur und Mensch“

Hoch über dem Tal der Apsa, 20 Minuten vom Städtchen Urbino entfernt, liegt die Pieve di Santa Mustiola, eine ehemalige Landpfarrei im Besitz der Gemeinde Peglio. Sie wurde im 15. Jh. erbaut und war mehrere Jahrhunderte lang Mittelpunkt einer größeren Gemeinschaft. Bis zu 300 Menschen lebten und arbeiteten als Bauern auf den umliegenden Hügeln. Die Kirche mit dem ehemaligen Pfarrhaus blieb erhalten und wurde vor wenigen Jahren restauriert. Zum Anwesen gehören 3 ha Ackerland und mehrere Hektar Mischwald. Alte Pfade führen talwärts und sollen Wanderwege werden.

 
Karin Mecozzi und Giorgio Bortolussi, Mitglieder der Europäischen Akademie für Landschaftskultur und Vorsitzende des Vereins THALEIA, arbeiten als Berater und Gärtner bei Projekten der neuen Pächter der Pieve mit. Die „Cooperativa Francesca“, die in Urbino mit behinderten Menschen arbeitet, beherbergt in der Pieve di Santa Mustiola Vereine und Urlaubergruppen. Sie möchte auch die landschaftlichen Gegebenheiten der Landpfarrei besser nutzen. Die Felder sollen wieder bebaut (in den letzten Jahren konventionell bewirtschaftet, heute liegen sie  brach), der Wald gepflegt, die Wege und Pfade erhalten werden.
 
Vor der eigentlichen Planung stellen sich viele Fragen. Wie steht die ehemalige Landpfarrei heute in der Landschaft, wie kann man Gebäude und Grünflächen wieder mit Leben füllen? Soll man dabei an traditionelle Methoden (Landwirtschaft, Waldpflege) anknüpfen, gibt es auch neue Mölichkeiten? Lassen sich Bereiche des Anwesens ausfindig machen, welche für die Arbeit mit behinderten Menschen besonders geeignet sind? Diese Fragen gaben Anlass zum dreitägigen Seminar in der Santa Mustiola „Die Landschaft als Begegnung zwischen Natur und Mensch“, unter der Schirmherrschaft der Associazione Agricoltura Biodinamica (Vereinigung der biodynamischen Anbauer in Italien).
 
Laurens Bockemühl, Thomas van Elsen und Bas Pedroli von PETRARCA sowie Karin und Giorgio Bortolussi von THALEIA/PETRARCA leiten das Seminar. Lokale Anbauer und Bäcker liefern Lebensmittel aus biodynamischem Anbau, Koch Tobias Menghin zaubert schmackhafte Speisen. Für einen heiteren Abend mit Klängen aus aller Welt und Kreistänzen sorgt die Musikgruppe „Gim Dai“ aus Urbino.

Sechs Teilnehmer aus verschiedenen Regionen Italiens kommen bei heißem Spätsommerwetter zusammen und machen sich mit der Landschaft in Santa Mustiola vertraut. Ein stürmischer Wind jagt Wolken über den weiten Himmel, am Horizont dehnt sich wellenförmig die Bergkette des nördlichen Apennins aus. Auf den umliegenden Hügeln wechseln sich Laubwälder und Getreidefelder ab. Die Landschaft ist dünn besiedelt und erinnert in ihrer Weite an die Bilder von Piero della Francesca.

Im scharfen Gegensatz dazu stehen die Aufforstungsarbeiten in den Wäldern um die Landpfarrei, „missbraucht“ wirken die tief gepflügten, viel zu großen Äcker.
Die Kursgruppe nähert sich dem Orte an, indem sie die im Süden liegenden Felder und den Wald abgeht. Die Teilnehmer erforschen die Landschaft unter dem Gesichtspunkt der vier Naturreiche und achten darauf, in welchem Verhältnis sie zur Landschaft stehen. Als erster Gesamteindruck fallen die Verlassenheit des Ortes und der Gegensatz zwischen dem restaurierten Gebäude und dem ungenutzten Anwesen auf.

Als weitere „Tore der Wahrnehmung“, durch die man mit der Landschaft in Kontakt treten kann, werden die vier Elemente vorgestellt. Erde, Wasser, Luft und Feuer prägen die äußere Landschaft und erscheinen als typische Qualitäten. Auch das Innere des Menschen, das Denken, Fühlen und Wahrnehmen, hat seinen Bezug zu den Elementen. So nimmt man z.B. sich wandelnde Prozesse über das Wasserelement wahr oder empfindet einen Anstoß zum Handeln über das Feuerelement. Im Freien üben die Teilnehmer die Wirkung des Elementes Erde durch exaktes Beschreiben und Bestimmen, die Wirkung des Luftelements durch das Gewahr werden von Atmosphären.
   
Im Laufe der Arbeit zeigen sich seelische Qualitäten des Ortes. Es entwickeln sich neue Fragen: wie kann man das „Ohnmachtsgefühl“, das die verlassene Umgebung vermittelt, überwinden? Wie kann man hier „Mensch sein“? Es steigen Bilder eines Schiffes oder einer Insel in der Landschaft auf.
 
Der Ort soll aus der Ferne betrachtet werden, um eine neue Sichtweise zu gewinnen. Im einsetzenden Regen besichtigt die Gruppe einen gegenüberliegenden Weiler, umgeben von Obst- und Gemüsegärten und gepflügten Äckern. Wie vor Jahrhunderten ziehen sich Reihen von alten Rebstöcken (filari), Obst- und Olivenbäumen durch die Getreidefelder. Man spürt, dass Menschen sich um diese Landschaft kümmern, sie nach uralten Gepflogenheiten fortbestehen lassen. Soll Santa Mustiola nach den selben alten Methoden bearbeitet werden? Aus der Ferne betrachtet wirkt die Landpfarrei ruhend, „dezent“, sie hebt sich von der bäuerlichen Umgebung ab. Nach der Exkursion empfinden die Kursteilnehmer auch ein sakrales Element. Aus dem anfänglichen Eindruck der Verlassenheit entsteht das Gefühl eines Potentials. Die Kursgruppe beginnt, Visionen zu entwickeln, wie aus der Abgeschiedenheit des Ortes ein Ausflugsziel besonderer Art entstehen könnte.


Ein weiterer „Ausflug“ führt die Seminargruppe in die Ferne, nach Norwegen: es werden die Fotos der PETRARCA-Landschaftswoche vorgeführt. Sie vermitteln das Gefühl des Gegensatzes zwischen Überlieferung und Erneuerung. Die Bilder zeigen einen biodynamischen Bauernhof mit jahrhundertealter Geschichte in einer machtvollen Landschaft. Die Eigentümer streben nach neuen Arbeits- und Gestaltungmöglichkeiten in der Landwirtschaft und in der Landschaftspflege, Tradition und Zukunft sollen einander begegnen.
 
Während des Seminars wächst die Gruppe zusammen, die Arbeit fließt zunehmend leichter, die typischen Eigenschaften des Ortes sind allen deutlicher. Als abschließend alle ausströmen, um ein letztes Mal im Anwesen Atmosphären und Übergänge wahrzunehmen, kommt jeder mit tiefen Eindrücken zurück. In der Kirche liegt eine große Karte von Santa Mustiola bereit, auf der die Gruppe das Wahrgenommen mit Malkreiden einzeichnet. Auf dem Papier entsteht eine große farbige Lemniskate, in der sich Wald und Felder, Sakrales und Dämonisches, Helles und Dichtes abwechseln. Die Pieve bildet die Mitte, den Ausgangspunkt für naturliebende Menschen und ihre Initiativen.

Im Rahmen des Kurses sind Vorschläge für die weitere Gestaltung von Santa Mustiola entstanden: Bearbeitung der Felder nach der biodynamischen Methode, Eingliedern behinderter Menschen durch soziales Wirtschaften („Social Farming“), im Wald geeignete Orte für eine „Wahrnehmungsschule“ einrichten und vieles mehr.

PETRARCA und THALEIA verfassen  einen Bericht für die Gemeinde Peglio, die Kooperative Francesca und die lokale Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete, um sie über die Arbeit im Seminar zu informieren.
Nach dem Seminar „Landschaft als Begegnung zwischen Natur und Mensch“ in der Pieve di Santa Mustiola sind weitere Treffen geplant. PETRARCA und THALEIA arbeiten in Italien an einem Kurs über Heilpflanzenbetrachtung und an einem Seminar mit Architekten, in einer Stadt Norditaliens.

Karin Mecozzi und Giorgio Bortolussi
Associazione culturale THALEIA
Via Pietro Nenni 3
I-61029 Urbino
karin.mecozzi@aruba.it

Fotos: Thomas van Elsen




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