Genius Loci – Vom Wesen eines Ortes

Wie zeigt sich das Wesen eines Ortes? Wie kann uns der „Genius Loci“ bewusst werden und unser Handeln inspirieren?
Um diesen Fragen nachzugehen trafen sich vom 11. bis 17. August eine Gruppe von 28 Menschen aus 6 verschiedenen Ländern zu einem Arbeitsseminar auf dem Hof Nordgard Aukrust in Norwegen. Hierzu eingeladen hatte die Stiftung Solrenning und PETRARCA, die Europäische Akademie für Landschaftskultur, deren besonderes Anliegen es ist Wege einer lebendigen Landschaftsentwicklung zu finden und zu unterstützen.




Der Hof Nordgard Aukrust mit seinen dunkelbraunen Holzgebäuden liegt am Südhang eines Bergtales nur wenige Kilometer außerhalb des kleinen Touristenortes Lom. Die bewaldeten Talhänge begrenzen steil das Tal und gehen in der Höhe in Geröllhalden und offenen Fels über. In der Ferne stürzen sich Wasserfälle die Felswände herab. In den ebeneren Lagen im Talgrund heben sich intensiv grüne Wiesen deutlich von ihrer Umgebung ab. Ein zu allen Zeiten lautes Rauschen verrät die Anwesenheit des Wildbaches, der nochmals tief in den Talgrund eingeschnitten von den Gletscherhöhen kommend in Richtung Lom fließt. Zum Zeitpunkt des Seminars ergänzten vielfach wechselnde Wolkenformationen diese oft tief dunkle Szenerie. Im Kontrast unterstrichen die farbigen Blumenfelder und die blauen Farbelemente im Bereich des Hofladens die freundlich-warme und einladende Atmosphäre des Hofes.

Dass das Hofganze von Aukrust eine besondere, unverwechselbare Ausstrahlung besitzt, durch die sein „Genius Loci“ aufleuchtete, war jedem Teilnehmenden bereits bei der ersten Begegnung deutlich. Doch jeder Versuch dies in Worte zu fassen blieb regelmäßig unvollständig. Jede Beschreibung kann nur Teilaspekte der Ganzheit illustrieren. Das Wesen eines Ortes, der „Genius Loci“, ist nicht aussprechbar. Gleichzeitig waren die Beschreibungen der Eigenart des Hofganzen oder einzelner Bereiche davon, Spiegel der jeweils beschreibenden Person. Das von uns Mitgebrachte aus Erfahrungen, Wissen, aber auch aus Temperament und Charaktereigenschaften gibt uns die Richtung, mit der wir auf die Erscheinungen hinblicken.

Durch gezielte Wahrnehmungsübungen wurden in den Arbeitsgruppen die Sinne für das Wesen des Ortes zu geöffnet. So war es z.B. Aufgabe an einem selbst gewählten Ort, die der dort erlebbaren Athmospäre nachzuspüren und diese anhand der Beschreibung konkreter Details im Äußeren zu verdeutlichen. Um in der Beschreibung eines Details wie die Johannisbeersträucher oder eines Insekts an einer Blüte die Ganzheit seines Umgebungszusammenhangs erlebbar zu machen, kommt es darauf an nicht bei der Aufzählung stehen zu bleiben, sondern nach dem „wie“ der Erscheinung zu fragen: wie wächst der Strauch? Welche Färbung und welche Formen und Gesten zeigen sich? Ist der Baum knorrig-dicht-gedrungen oder schlank aufrecht? Jeder neue Begriff wird zur Frage nach dem „wie“: Die Wiese ist grün...wie grün ist die Wiese?



Ein wesentliches Ziel war es dann, die eigenen Wahrnehmungen so den anderen Menschen mitzuteilen, dass im Innern des Zuhörenden ein lebendiges Bild des Ortes entstand. Dies war regelmäßig dann möglich, wenn der Beschreibende innerlich aus der Erinnerung heraus selbst das Bild seiner Eindrücke neu aufgebaut hatte und so ganz aus dem Erleben heraus erzählte. Außerdem war die Beschreibung umso plastischer, je mehr es gelang an dem gegenwärtig sinnlich Wahrgenommenen zu bleiben und die eigenen Empfindungen wie „das war sehr schön“ oder weitere Interpretationen wie „die Pflanze wächst hier weil der Boden sauer ist“ herauszulassen. Die eingebrachten Blickrichtungen des anderen wirkten so wie neue Facetten des selbst erlebten Bildes. Künstlerische Mittel wurden als Ausdruckshilfen herangezogen. So ermöglicht die japanische Gedichtform des „Haiku“, gerade durch die strenge Reduzierung auf zwei mit wenigen Worten in Beziehung zu setzende Dinge, das Wesen eines Ortes atmosphärisch aufleuchten zu lassen. Im Wahrnehmen der Beziehung zwischen den Dingen wird die Ästhetik in ihrem ursprünglichen Sinne wieder zur „Wissenschaft und Kunst der sinnlichen Wahrnehmung“.

Es ist ein Anliegen von Ola Aukrust, der den Hof als Erbe einer weit in die Vergangenheit reichenden Familientradition übernommen hat, diesen bewusst wahrnehmenden Umgang mit dem „Genius Loci“ in die gegenwärtige Gestaltung und Entwicklung des Hofes einzubeziehen. So hatte sich eine Arbeitsgruppe zur Aufgabe gemacht, aus der Verbindung mit der Eigenart des Ortes heraus Ideen für die Vervollständigung des noch unfertigen Seminargebäudes und dessen Einbindung in das Hofganze zu entwickeln.



Die Bemühungen in den Arbeitsgruppen wurden durch den Morgenkurs von Jochen Bockemühl unterstützt. Anhand von Übungsbeispielen aus dem Ausstellungs- und Buchprojekt „Lebt die Welt in mir?“ wurden Wege aufgezeigt, wie wir unser Wahrnehmen vertiefen und uns der eigenen inneren Beteiligung an der Entstehung der Wirklichkeit bewusst werden können. Die durch das moderne Bewusstsein bedingte Trennung von dem, was in mir lebt und der fremden Natur „außerhalb“ kann so ein Stück weit überwunden werden. Geistesgegenwärtiges Handeln aus der in mir bildhaft erscheinenden Ganzheit der Lebenszusammenhänge in der Natur außer mir, führt uns zu verantwortungsbewusstem Umgang mit der Natur. Was es heißt die Welt in mir wesenhaft im Bild zu erleben, zeigt sich uns in den Märchen, von denen uns Almut Bockemühl eine Auswahl vorstellte.



Ähnliches gilt es auch im Sozialen zu üben. Der dänische Philosoph Oskar Borgmann Hansen verdeutlichte dies in seiner Beitragsreihe anhand aktueller politischer Ereignisse. Eine offene Wahrnehmungsfähigkeit ermöglicht erst die echte Wesensbegegnung mit anderen mir zunächst fremden Menschen und Kulturen.

Das Seminar wurde umrahmt von mit Blumen geschmücktem Essen aus überwiegend Hofprodukten sowie ergänzt durch eine Exkursion über die Passhöhen zur Stabkirche Ürnes am Sognefjord. Abgerundet durch musikalische Beiträge an denen auch die Kinder der Familie Aukrust beteiligt waren, ging das Seminar zu Ende und hinterlies den Eindruck „zu kurz“ gewesen zu sein: Was bleibt ist weniger das weitere „Wissen“ im Gepäck als die Gewissheit, dass nur im immer wieder neu Erübten und Gelebten die im Seminar gelegte Saat aufgehen kann.

Laurens Bockemühl
PETRARCA Europäische Akademie für Landschaftskultur
www.petrarca.info

Fotos: Tanja Plümer


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